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Auch erhältlich als:
Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783442736652
Sprache: Deutsch
Umfang: 216 S.
Format (T/L/B): 1.7 x 18.9 x 11.8 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Vom Vergnügen des Findens und vom Schrecken des Verlusts Steffen Kopetzky erzählt vom Vergnügen des Findens und vom Schrecken des Verlusts. Und davon, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Welch Katastrophe es sein kann, wenn etwas lang Vermisstes sich plötzlich einfindet. Oder welch Glück, aus seinem Leben plötzlich ausgesperrt zu sein, weil man den Schlüssel verloren hat .

Leseprobe

Normalerweise wäre Andrea sofort zurückgefahren und hätte sich die Spritzen, die sie im Bad ihres Hotelzimmers vergessen hatte, zurückgeholt. Zuletzt hatte sie sich heute morgen gespritzt, wie schon die Tage zuvor geschickt auf dem Rand der winzigen Badewanne balancierend, um freie Sicht auf jene Region unterhalb des Bauchnabels zu haben, die ihr von ihrer Ärztin als geeignetes Einstechgebiet benannt worden war. Mit der linken Hand kniff sie sich dabei in den mageren Bauchspeck, um die Nadel in die entstehende Falte zu hauen. Nur ein kleines Wimmern von sich gebend, hatte sie die verhaßte Prozedur mit der erstaunlich langen Nadel hinter sich gebracht. Nicht zuletzt, weil ihr Freund ihr vor ein paar Monaten erklärt hatte, er ertrage ihr frühmorgendliches Stöhnen einfach nicht länger, hatte sie sich angewöhnt, sich in aller Stille zu stechen. Nach dem Spritzen hatte sie schnell ihren kleinen schwarzen Koffer gepackt, denn vor der Tür wartete schon der mürrische schwarze Hilfsportier, der gekommen war, um ihr Gepäck nach unten zu befördern. Das orange-leuchtende Spritzenköfferchen war auf dem kleinen Hocker neben der Badewanne liegengeblieben. Bei ihrem letzten Termin um 13 Uhr hatte sie einen deutschen Schauspieler besucht, der in einem gigantischen Loft in Soho lebte, eine ziemliche Enttäuschung gewesen war und ihren Zeitplan durcheinandergebracht hatte, weil er einfach nicht fertig werden wollte mit seinem Sermon. Der Schauspieler, der nebenbei auch noch malte, Gartenbücher und zwei Gedichtbände herausgebracht hatte, war von einem längeren Aufenthalt in Japan als »praktizierender Buddhist« zurückgekehrt, vorerst allerdings nicht auf sein Anwesen am Starnberger See, sondern nach New York gezogen, um zu schreiben. Vor zwei Wochen war das Buch erschienen, in dem die Auswirkungen und Folgen seines spirituellen Erweckungserlebnisses mit einer Vielzahl kulturkritischer Allgemeinplätze zu einem, wie Andrea fand, ziemlich unverdaulichen Brei vermengt waren - die Hauptthese des Buches lautete, daß Deutschland bald an seiner spirituellen Armut zugrunde gehen werde. Alles, was das Land jetzt brauche, seien eigentlich nur kollektive gymnastische Anstrengungen - so etwas wie ein permanentes bundesweites Turnfest - »Deutschland muß wieder lernen zu atmen« oder »Deutschland hat seinen Atem verloren, diesen muß das Land wiederfinden«. Mit diesem wiedergefundenen Atem dann, so der Schauspieler, werde sich alles weitere, die Erweckung zu neuem Leben, von selbst ergeben. Auf ein paar Seiten empfahl er einige praktische Übungen (»Sitzen Sitzen Sitzen!«), die er in seinem Kloster in Japan gelernt hatte, er selbst hatte die Zeichnungen dazu angefertigt (allerdings, wie er Andrea erzählte, nicht mit einem Tuschepinsel, sondern mit einem Eddingstift, der besser in der Hand liege). Dazwischen waren immer wieder Anekdoten aus seiner Arbeit als Filmschauspieler eingestreut, der es mit Nebenrollen in amerikanischen und Hauptrollen in deutschen Produktionen zu erstaunlicher Popularität in seinem Heimatland gebracht hatte; neben wahllos aus ihrem Zusammenhang gerissenen Zitaten aus Zeitungen und populären Büchern stieß man auf Erinnerungen an die frühe Nachkriegszeit (»wo man gar nichts hatte, aber äußerst glücklich war«) und auf die Reflexionen des weitgereisten Weltbürgers über das mangelnde Selbstbewußtsein der Deutschen, das sich vor allem daran zeige, daß diese ihrer eigenen Sprache nicht mehr mächtig seien. Ein Gedicht aus seiner Feder beschloß das Werk. Es wirkte wie eine Ode von Hölderlin, die rücksichtslos zu einem mißratenen Haiku verschnitten worden war. Alles in allem war es ein grob zusammengeschustertes Machwerk, das es in der Zwischenzeit auf den dritten Platz der Sachbuchbestsellerliste geschafft hatte. Der Schauspieler würde in ein paar Wochen zu Gast in der Talkshow sein, für die Andrea arbeitete, und der Chefredakteur war sehr zufrieden gewesen, daß sie während ihres Aufenthalts in New York das notwendige Vorgespräch mit ihm hatte Leseprobe